Happy, but Hungry! Die „Führungsjob mit Baby“ – Challenge

17/11/2022
Eltern

Kristina (35, Standortleiterin & Strategie Direktorin einer Digitalagentur) aus München lebt genau dieses Motto des Cross Fiters Noah Ohlsen „Happy, but hungry“

Liebe Kristina, wie würdest du dich selbst beschreiben und was ist das für eine Challenge gerade mit Baby und deinem Management-Job?

Ich bin ein neugieriger, zielstrebiger und harmoniebedürftiger Mensch. Ich fühle mich im Chaos wohl, bin aber immer daran Ordnung und Struktur darin zu finden. Ich brauche meine Mitmenschen, um mich wohlzufühlen und gemeinsam mit ihnen Neues zu schaffen und Optimismus und Positivität zu verbreiten. Dabei ist es für mich wichtig, Dinge voranzubringen alle mitzunehmen. Das Motto des Cross Fiters Noah Ohlsen trifft es für mich auf den Punkt: Happy, but Hungry!
Ein Kind zu bekommen, war bisher eine meiner größten Veränderungen, vor der ich auch lange Zeit Angst hatte. Nicht davor, was auf mich zukommt, sondern das, was es mit mir als Person und meinem Umfeld macht. Es war für mich und meinen Mann schon immer klar, dass wir Kinder möchten. Nichtsdestotrotz hat der positive Schwangerschaftstest viele Überlegungen schnell real werden lassen und mich dazu gebracht, Dinge konkret zu machen. Vor allem zu entscheiden wie ich mich, Familie und meinen Job vereinen will:
Für mich stand von Anfang an fest, dass ich schnell in meinen Job zurück möchte.
Nicht, weil ich denke, dass man nicht auf mich verzichten kann, sondern weil ich meinen Job gerne mache. Ich identifiziere mich mit dem, was ich tue und es macht mir Freude mit meinen Kollegen und Kunden Neues zu schaffen und Probleme zu lösen. Darüber hinaus, bin ich eine neugierige und ehrgeizige Person, die Abwechslung und Inspiration mit und durch andere braucht. Für mich war die Vorstellung in die Elternzeit zu gehen, nicht die langersehnte Pause vom Job oder die Chance auf ein Sabbatical. Für mich war eher die Frage, was mache ich denn so lange ohne das, was ich mag und viel von meinem Tag einnimmt und warum soll ich Dinge mit Kind anders wollen als zuvor? Gibt es denn keinen Weg mein kommendes, neues Leben mit meinem bisherigen zu vereinen?
Schon während der Schwangerschaft hat sich für mich „kein Schalter umgelegt“, den mir so viele prophezeit haben. Dass sich Prioritäten verschieben und mir Dinge nicht mehr so wichtig sind. Auch nicht mit und nach der Geburt. Ich will nicht sagen, dass das grundsätzlich nicht stimmt. Es stimmt! Prioritäten verschieben sich, aber es müssen aus meiner Sicht zugunsten derjenigen sein, die einen glücklich machen und erfüllen. Dabei darf man sich selbst als Mensch weiterentwickeln, aber nicht vergessen. Natürlich geht da nicht mehr alles und Dinge anders als zuvor. Das ist auch gut so! Deshalb muss man sich vornehmen seine Prioritäten aktiv beizubehalten oder umgestalten zu wollen und sie dann auch umzusetzen. Das ist nicht immer einfach, erfordert Anstrengung und manchmal auch Reibung – davon sind die Liebsten nicht ausgeschlossen. Aber das Gute: Wenn man will, findet man immer gemeinsam einen Weg und entdeckt womöglich dabei neue Seiten an sich selbst und anderen!
Zudem kommt, dass ich zu viele Frauen in meinem Umfeld gesehen habe, die sich selbst und ihre Karrieren viele Jahre, wenn nicht sogar für immer, zurückgesteckt haben, obwohl sie diese wahnsinnig gerne weiterverfolgt hätten. Frauen, die in Teilzeit zurückgekehrt sind und trotzdem mindestens 100% geben, aber nicht dafür bezahlt werden oder gar in der Karriereleiter ungleich behandelt werden. Frauen, die tolle und gerne Mütter sind, aber eben auch noch viel mehr darüber hinaus und dafür einfach zu wenig Zeit und Energie finden.
Genau das wollte ich nicht. Ich wollte und will für mich und meinen Liebsten einen guten Weg finden, mich selbst und diejenigen, um mich herum in Balance zu bringen. Ich möchte ein Vorbild sein, für Frauen und auch Männer, das Gegebene und Bestehende nicht einfach nur so hinzunehmen, sondern zu hinterfragen und neue Wege aktiv zu gestalten, die viel besser zu einem passen. Das ist manchmal sehr anstrengend, aber es lohnt sich alle Male!

Nach wenigen Wochen zurück in den Job – wie machst du das mit Schlaflosigkeit und Multitasking, liebe Kristina?

Puuh. Keine leichte Frage und noch viel schwieriger, das in die Tat umzusetzen. Dabei muss ich oft an meine Oma denken, die immer sagte: Nicht zu viel denken, einfach machen!
Allen voran muss ich einmal festhalten, dass ich denke, unser Kleiner meint es grundsätzlich sehr gut mit uns. Er ist kein Schreibaby, kein Baby das uns große gesundheitliche Sorgen bereitet. Er ist von Natur aus brav, scheint mit sich selbst im Reinen und meckert eigentlich nur, wenn er Hunger hat oder müde ist. Er ist gerade knapp 6 Monate und die Nächte sind seit einiger Zeit unruhiger. Das bringt natürlich auch mich und meinen Mann manchmal an unsere Grenzen. Mir hilft es im Kopf zu behalten, dass der Kleine es ja noch nicht anders kann und sich jeden Tag so immens entwickelt, sodass er das vor allem nachts bearbeitet. Dennoch versuche ich früh ins Bett zu gehen (was mir noch nicht immer gelingt), sodass ich vor allem seine erste, lange Schlafphase gut mitnehme. Denn wenn ich einigermaßen Schlaf abbekomme, bin ich frisch im Kopf und kann mich gut den Aufgaben stellen und mich auf den neuen Tag freuen. Dabei helfen mir ToDo-Listen und auch mein gutes und langjähriges Training durch meinen Job und meinen Sport, schnell und positiv auf Veränderungen zu reagieren und aktiv den Weg nach vorne zu suchen.

Wer oder was hält dir den Rücken frei? Hast du bereits einen Plan wie du dich künftig organisierst?

Zuallererst mein Mann. Nicht nur, weil er mir helfen will, sondern auch, weil es ihm wichtig ist viel Zeit mit unserem Sohn zu verbringen und ich ihm als Mensch wichtig bin. Er war genauso wie ich die ersten drei Monate Zuhause und wir hatten ausgiebig Zeit uns drei kennenzulernen und uns aufeinander einzustellen. Das war auch wichtig, da unsere Geburt und die erste Zeit danach nicht ganz reibungslos verlief. Ich habe festgestellt, dass das bei vielen so ist, aus unterschiedlichen Gründen. Es wird nur viel zu selten offen darüber geredet. Stattdessen werden fleißig Bilder und Stories der Happy New Family auf Instagram geteilt und dabei schaut es bei vielen innen drin, nicht immer so rosig aus. Ich denke das liegt daran, da man sich oft selbst die Vorwürfe macht, ob man Schuld daran hat oder man denkt, man muss alles hinkriegen, sonst ist man keine Super-Mum. Dabei sollten wir vielmehr stolz auf unsere Leistung sein und einsehen, dass es kein Regelwerk und keine Maßgabe (auch nicht von der Gesellschaft) gibt, die uns bewerten darf. Zudem müssen wir lernen einfach selbst etwas gutmütiger mit uns selbst zu sein und dass man Hilfe annehmen darf. Auch ich muss mir das tagtäglich ins Gedächntis rufen.
Auch seit der Rückkehr von uns beiden in unsere Jobs versuchen wir uns weiterhin gegenseitig genügend Zeit und Energie für den Kleinen, uns zwei und auch uns selbst einzuräumen. Uns war es wichtig auch mit Kind die Dinge weiter zu verfolgen, die uns bisher immer Spaß bereitet und mit Energie aufgetankt haben. Sei es unsere regelmäßigen Date Nights, unsere sportlichen Ambitionen beim Cross Fit und Tennis oder Freunde und Familien zu besuchen – egal ob nah oder fern. Aber auch: unsere Jobs. Denn die verfolgen wir beide sehr gerne und konnten uns nicht vorstellen längere Zeit davon fernzubleiben. Deshalb haben wir uns hier Unterstützung gesucht.
Wir haben eine tolle Nanny gefunden, die viel Wärme versprüht und vor allem mir im Home Office mit dem Kleinen hilft und dafür sorgt, dass ich das Essen nicht vergesse ;) Dabei war es uns wichtig jemanden zu finden, dem wir vertrauen können, der Erfahrung mit Babys hat, als Mensch gut zu uns passt und neben Deutsch auch Spanisch spricht, da wir den Kleinen zweisprachig aufziehen möchten. Bisher klappt das alles sehr gut und der Kleine mag sie sehr. Mir und meinem Mann ist es damit gelungen, trotz Vollzeit-Jobs nah an unserem Sohn und seiner Entwicklung zu bleiben und gleichzeitig die Zeit und die Aufgaben gut zu managen. Und auch wenn sie einmal nicht kommen kann, wechseln uns mein Mann und ich gut ab.. Dabei sind unsere Arbeitgeber ebenso sehr unterstützend (auch wenn das bei mir völlig neu ist: ein weibliches Management-Mitglied mit Baby) und verstehen, dass wir manchmal schwieriger zu erreichen sind. Viele unserer Kollegen freuen sich auch, wenn wir den Kleinen ab und an zu einem Meeting über den Screen mitbringen.

Was bedeutet Vereinbarkeit für dich?

Vereinbarkeit bedeutet für mich in Balance zu sein und sich selbst am Ende nicht zu vergessen. Das ist leichter gesagt als getan und ist an manchen Tagen schwer umzusetzen oder auch mal gar nicht. Dennoch ist es für mich wichtig das stets im Auge zu behalten und auch einzusehen und zu korrigieren, wenn man das mal nicht schafft (das ist oft das Schwerste!). Denn nur, wenn man das Gefühl hat, dass man im Flow ist, ist man auch offen für Neues und bereit Chaos und Unerwartetes easy zu managen.
Dabei gilt für uns vor allem eines: Unser Sohn ist nun Teil unserer Familie, unserem Leben und unserer Gesellschaft. Deshalb dreht sich bei uns alles um uns drei und nicht nur um den Kleinen. Klar braucht er mehr ungeteilte Aufmerksamkeit und Fürsorge als wir Großen. Nichtsdestotrotz ist es uns wichtig unsere Bedürfnisse zu dritt auszubalancieren. Denn wenn alle ausgeglichen und glücklich sind, dann ist das der Kleine in jedem Fall auch!

Woher nimmst du deine Energie?

Definitiv durch einen lebendigen Austausch mit meinen Freunden und Familie als auch dem Sport. Mir war es schon immer wichtig, Dinge gemeinsam mit anderen zumachen. Dann sind sie nicht nur leichter, sondern machen auch deutlich mehr Spaß!

Welche Tipps hast du, um neben Job und Baby auch noch Platz für sich selber zu finden?

Ich nehme meine eigene Zeit mit auf die Prio-Liste. Oft rennt einem die Zeit einfach durch die Finger und man streicht immer zuerst die Zeit für sich selbst, um noch alles unter einen Hut zu bekommen. Dabei ist es genau das, was dir die Energie gibt für all die Dinge, die jeden Tag passieren. Im Moment bin ich hier aber auch noch im Lern-Modus. Manche Tage gelingt es mir gut, an manchen nicht so sehr.
Ich muss lernen, dass einfach nicht mehr alles 100% geht, sondern ich mich auf manche Dinge fokussieren muss. Dafür schaffe ich viele neue Dinge, die ich vorher nicht erwartet habe oder kannte.

Hast du dir das so vorgestellt und wie reagiert dein Umfeld auf dein/euer sehr modernes Konzept?

Ehrlich gesagt zu Beginn, war die Reaktion meines Umfeldes nicht besonders gut. Besonders in der Schwangerschaft hatte ich mit bösen Zungen zu kämpfen. „Wenn du so schnell wieder in deinen Job zurückwillst, warum kriegst du dann überhaupt Kinder?“, „Das schaffst du eh nicht. In München kann mich sich die Betreuung seines Kindes nicht aussuchen!“, „Jetzt krieg erstmal dein Kind und dann schau wie du damit zu Recht kommst. So schnell wieder in den Job zurückzukehren ist eher unrealistisch. Vor allem als Frau.“
Davon habe ich versucht mich nicht entmutigen zu lassen und mein Mann hat mich voll unterstützt, dass wir neue Wege finden. Was für mich überraschend war, die Aussagen kamen häufig von Frauen und vor allem von Müttern. Ich hatte das Gefühl, anstatt sich gegenseitig zu unterstützen und verschiedene Lebensmodelle zu tolerieren, wird ständig versucht zu zeigen, warum das eigene Modell das Beste und das Richtige ist und Gründe zu suchen, warum man es selbst anders macht.
Dabei ist doch genau das, total unwichtig! Es geht doch darum, dass jeder für sich selbst und mit seinen Liebsten den richtigen Weg findet, man voneinander lernt und sich gegenseitig Halt gibt. Und das sieht von Natur aus bei jedem anders aus. Eine andere Sache, die mich sehr gestört hat, ist: Es ist gar nicht so einfach sich zu organisieren und das finanziell zu managen, wenn man nicht „das Modell Elternzeit“ in Anspruch nimmt. Es gibt wenig Angebote, wenn beide Elternteile ihre Jobs und auch Karrieren weiterverfolgen wollen. Da wünsche ich mir einfach, dass mehr Eltern mutig und hartnäckig neue Wege ausprobieren, sodass sich auch hier in der Politik und der Wirtschaft Dinge ändern. Denn das wird helfen künftigen Eltern – oder auch Alleinerziehenden – mehr Flexibilität und Möglichkeiten zu schaffen.
In den letzten Monaten muss ich sagen hat sich der Wind gedreht und viele der einst kritischen Stimmen haben beobachtet, wie das funktioniert bei uns. Dabei gibt es einige die nun selbst für sich planen, die Zeit mit Kind beim zweiten anders zu gestalten und schneller in den Job zurückzukehren. Oder über ganz neue Ansätze nachdenken, sich selbst wieder mehr Freiräume zu schaffen. Mal sehen, ob wir noch einmal schwanger werden und dann alles genauso machen oder alles ganz anders. Bei einem bin ich mir sicher, es wird bestimmt wieder neu und aufregend ;)

Welche Erfahrungen hast du bei der Suche nach einer Kinderbetreuung gemacht und welche Kriterien sind aus deiner Sicht ein MUSS?

Es war durchaus nicht einfach den passenden Fit zu finden. Jemand der Vollzeit Zeit hat und auch gut zu uns als Mensch passt. Dabei haben wir auch ein paar Anläufe gebraucht.
Wichtig war für uns von Anfang an ehrlich zueinander zu sein und dass sich beide Seiten wohl fühlen mit den Modalitäten. Man verbringt viel Zeit zusammen und hat eine verantwortungsvolle Aufgabe.
Es ist nicht einfach ein Job, sondern die Nanny ist eine wichtige Bezugsperson für unseren Kleinen. Da muss man vor allem einander vertrauen und sich aufeinander verlassen können. Darüber hinaus darf natürlich auch der Spaß nicht fehlen, sodass man sich gemeinsam darüber freut, wie sich der Kleine entwickelt und was man gemeinsam am Tag erlebt. Und auch ist es wichtig, dass man sich gegenseitig für das Leben des anderen interessiert und kennenlernt, was einem wichtig ist. Wir freuen uns wirklich sehr, dass wir einen so tollen Menschen mit ihr gefunden haben und sind dankbar, dass sie ebenso viel Freude mit uns und dem Kleinen hat.

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